Psychosomatische Erkrankungen

Das Seelenleben und körperliche Erscheinungen stehen in einem engen Zusammenhang.

Diese Betrachtungsweise war nicht immer selbstverständlich: mit den rapiden Fortschritten und Erkenntnissen in den Naturwissenschaften in den letzten 100 Jahren wurde das Augenmerk fast ausschließlich auf organische Krankheitszusammenhänge gelegt.

Schon die alten Griechen wiesen auf Einwirkungen der Seele und des Geistes auf den Körper hin (Sokrates).

In der romantischen Medizin Anfang des 19. Jahrhunderts kam der Begriff der psychosomatischen Medizin wieder auf, allerdings moralisierend: man hat damals böse und sündhafte, vor allem sexuelle Leidenschaften, als Ursache von TBC, Epilepsie und Krebs angesehen. Novalis hingegen erkannte, frei von Bewertungen, die Wechselwirkungen zwischen Leiblichem, Seelischem und Umwelt. Er sagte, “Jede Krankheit kann man Seelenkrankheit nennen“. Diese blitzhaften Einsichten wurden aber von der Schulmedizin dieser Zeit nicht aufgegriffen, die nicht weniger naturalistisch dachte als die griechische Medizin.

In den ganzheitlichen Lehren von der Heilkunde (Traditionelle Chinesische Medizin, Tibetische Medizin, Anthroposophische Medizin, Homöopathie,...) ist der leib-seelische Zusammenhang eine Selbstverständlichkeit.

In Märchen und Mythen finden sich immer wieder Hauterscheinungen oder Verunstaltungen des Äußeren bei den zentralen Figuren, die einer Erlösung bedürfen. Die Erlösung findet meist durch einen Helden/Heldin statt, die sich von dem Äußeren nicht abschrecken lässt, der/die die entstellte Person annimmt, sie liebt, so wie sie ist – ein Hinweis, dass etwas Abgelehntes, Verkanntes angenommen und erkannt werden muss. Und dazu ist ein Gegenüber notwendig, also eine heilsame Beziehung, in der verbannte, nicht gewollte Anteile – sprich Gefühlszustände – einen Platz haben und sich entfalten dürfen.

Nach dem ersten Weltkrieg begannen Schulmediziner leib-seelische Zusammenhänge bei verschiedenen Krankheiten zu untersuchen und zu dokumentieren. Für das Magengeschwür, den Bluthochdruck und chronische Darmentzündungen, auch für das kindliche Asthma, wurden damals schon derartige Zusammenhänge beschrieben. Im Weiteren befasste sich die Psychoanalyse, begründet durch Sigmund Freud, mit psychosomatischen Zusammenhängen und es wurden Experimente und Untersuchungen in dieser Richtung angestellt. Heute gibt es psychosomatisch-wissenschaftliche Gesellschaften in zahlreichen Ländern der Welt.

Bei den meisten psychosomatischen KH findet sich einerseits ein Anlagefaktor, andererseits seelische Belastungen und Einflüsse aus der Kindheits- und Jugendentwicklung.

In der modernen Psychosomatik geht man davon aus, dass mehrere Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der EK beteiligt sind: körperliche, seelische und gesellschaftliche Faktoren treten in Wechselwirkung und ergänzen sich. Vieles spricht dafür, dass bei psychosomatischen Erkrankungen eine körperliche Bereitschaft besteht, die einerseits erblich bedingt ist (Zwillinge), andererseits im Laufe der Lebensgeschichte noch verstärkt oder abgeschwächt wurde. An der Manifestation sind denn seelische und soziale Einflüsse beteiligt. Wechselnde Pflegepersonen in der frühen Kindheit, Abwesenheit der Eltern, jugendliches Alter der Mutter bei der Geburt, eine auf sich gestellte, alleingelassene Mutter oder eine unerwünschte Schwangerschaft sind in wissenschaftlichen Untersuchungen als eindeutig begünstigend für die Entwicklung von psychosomatischen EK erkannt worden.

Somit wird deutlich, dass Einflüsse der frühkindlichen Pflegebeziehung unsere früheste emotionale Mitgift sind und die Grundlage weiteren Lernens und weiterer Entwicklung.

Das Baby reagiert in Angstsituationen mit dem ganzen Körper im Sinne eines Bewegungssturmes. Im Laufe der Entwicklung werden intensive Gefühle dann verinnerlicht, werden zu Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken und schließlich in der Sprache mitteilbar. Es findet also ein kreativer Prozeß statt, der es ermöglicht, dass Emotionen bildhaft werden können und symbolisch und sprachlich mitgeteilt werden können. Damit dies möglich ist, sind ausreichend gute gefühlsmäßige Beziehungen in den ersten Lebensjahren des Kindes notwendig. Fehlen diese oder sind unzureichend, wird die sprachliche Ausdrucksfähigkeit und die Fähigkeit zu Phantasie unzureichend entwickelt. Gestörte Kommunikation und daraus resultierende Spannungszustände werden in körperlichen Prozessen bewältigt.

Im späteren Leben kann der Verlust einer nahestehenden, haltgebenden Bezugsperson (durch Tod oder Trennung) zum Ausbruch einer psychosomatischen EK führen. Der heftige Affekt wird nicht mehr bewusst erlebt, sondern ist an ein Körpersymptom gebunden.

Auch wenn hilfesuchende Strebungen nach Versorgtwerden (Umarmung, Gehalten werden) nicht befriedigt werden, sei es aus innerer Abweisung dieser Neigungen oder aus äußeren Umständen, können sich die entstehenden Spannungen über das vegetative Nervensystem entladen und schließlich zu Körpersymptomen oder Krankheit führen. – So wie Aggressionen können auch Wünsche nach Versorgtwerden sich in sehr verschiedener Weise ausdrücken und es können sich dabei verschiedene Organe und körperliche Funktionen einschalten.

In der Psychotherapie hat sich gerade auch bei psychosomatischen Erkrankungen die Arbeit mit Inneren Bildern wie in der Katatym imaginativen Psychotherapie (KIP) bewährt.

Sinn und Wirkmechanismus ist, dass auf der symbolischen Ebene, ähnlich wie im Nachttraum, nicht gelebte Gefühle, Konflikte und Lösungsmöglichkeiten zugänglich werden. Dadurch kann Energie, die zur Unterdrückung der nicht gelebten Gefühle und deren „Verschiebung“ ins bzw. “Fixierung“ im Körperlichen aufgewendet werden musste, frei werden, quasi ins Seelische „gezogen werden“ und für kreative, gesunde Lösungen eingesetzt werden. Es kann also der in der Kindheit blockierte (und oben beschriebene) Entwicklungsprozess nachgeholt werden.

Es gilt dabei, um diese Vorgänge verstehen zu können – die umfassende Bedeutung einer Situation in dem ganz speziellen Leben der Person zu erfassen, die auf die Situation körperlich reagiert.

Welche innere Haltung wird in einer Belastungssituation eingenommen und welche Krankheit folgt darauf? Wie erlebt jemand, was ihm zustößt und wie geht er damit um? Diese inneren Haltungen können in Körpersprache umgesetzt werden. Unsere Sprache weist darauf hin, wenn wir sagen:

„ich könnte aus der Haut fahren“, „es ist zum kotzen“, “scheiß drauf“, „ich muss Haltung bewahren“, „sich eine Last aufbürden“, „er ist herzlos“, „mir tut das Herz weh“, „ich explodiere gleich“ usw.

So können innere Spannungen schließlich zu Rückenproblemen, Magen-Darm-Problemen, Hauterkrankungen, Herz-Kreislauf-Problemen und vielem mehr führen.

In der Psychotherapie geht es jetzt darum, dass die Krankheit dieser Klientin gemeinsam von der Therapeutin und ihr verstanden wird, einen Sinn bekommt. So kann sie sich – und das gilt für jeden psychosomatisch Erkrankten in einer Therapie - als jemand erleben, der mitgewirkt hat und kann dadurch in einer heilsamen Einsicht sich in ihrer körperlich-seelischen Entwicklung umformen. Das Krankheitsgeschehen erhält eine Bedeutung. Krankheit kann so als ein Herausfallen aus der Wahrhaftigkeit verstanden werden, d.h. als ein Riss in der Verwirklichung des Lebens, das möglich wäre.

Was, wann, wie krankheitsauslösend wirkt, ist immer subjektiv zu betrachten. Wie jemand eine Situation erlebt, gibt dieser ihren Stellenwert: entweder eine überwältigende Belastung oder eine nichtssagende Veränderung, eine Krise oder ein banaler Wechsel, Stress oder Nicht-Stress.

Wie wir die Welt und die Dinge darin erleben, ist keinesfalls objektiv, sondern immer eine Auswahl von verschiedenen Möglichkeiten, bedingt durch Stimmung, persönliche Erfahrungen und persönliche Ausrichtung auf die Zukunft. Wie wir die Welt und auch unseren Körper erleben, steht immer in Zusammenhang mit dem Punkt unserer Lebensgeschichte, an dem wir gerade stehen.

Um was es also geht ist die Einsicht, dass ich meine Krankheit nicht nur bekomme und habe, sondern auch mache und gestalte; dass ich mein Leiden nicht nur dulde und fort wünsche, sondern auch brauche und will.
Seelisches und Körperliches können sich gegenseitig vertreten. Sie sind nicht zwei Dinge, die nebeneinander da sind, sondern sie stellen einander wechselseitig dar und erläutern sich. Was wir im Bewusstsein verbannen, wird im Körper wirksam und was wir ins Bewusstsein ziehen, verliert an seiner leiblichen Kraft. Das menschliche Leben ist nicht nur ein „Vorgang“, ist nicht nur als Dasein gegeben, sondern ist uns wesentlich zur Entscheidung aufgegeben. Zwischen dem, was wir „wollen, können, müssen und dürfen“, müssen wir uns ständig entscheiden bzw. Kompromisse finden, im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Notwendigkeit. So wird neben dem, was schon ist, auch das (noch) nicht Gelebte, das Mögliche, wesentlich bestimmend für das Verständnis von Krankheit.












Illustrationen: 
Dr. Veronika Oepen-Duré






Dr. Carina MAYER-KAUTEN
Psychotherapeutin und Lehrtherapeutin für KIP
(Katathym Imaginative Psychotherapie)

Ärztin für Allgemeinmedizin
Ärztin für Psychosomatische und
Psychotherapeutische Medizin

Radetzkystraße 24, 9020 Klagenfurt











Dr. Carina MAYER-KAUTEN

Psychotherapeutin und Lehrtherapeutin für KIP
(Katathym Imaginative Psychotherapie)