Keine Angst vor der Angst

Oder: “Ich kann mich wieder freuen!“

In den alten Märchen, besonders denen der Gebrüder Grimm, finden wir oft Beispiele, wie wir uns im Leben so entwickeln. Es gibt weibliche (z.B. „Die Gänsemagd“) und männliche (z.B. „Der Eisenhans“) Entwicklungsmärchen.
Die Märchen lehren uns, dass Angst zum Leben gehört und dass wir uns ohne Angst nicht entwickeln können zu reifen, beziehungsfähigen Menschen.

Das was Angst macht (Hexe, Drache) ist zunächst verborgen, im Dunklen, und es hat geheimnisvolle Kräfte. Der Held/die Heldin bricht oft im Frühjahr – einer Zeit des Hervorbrechens der Lebendigkeit – auf, oft mit einer gewissen Naivität, Ausgelassenheit, Unternehmungslust.

Auf ihrem Weg machen sie dann einige Fehler (wie z.B. einzuschlafen, etwas in den Brunnen fallen lassen,...), welche sich aber genau als die entscheidenden Voraussetzungen für die weiter Entwicklung herausstellen: eben wegen dieser Fehler kommen sie zur Hexe, zur Frau Holle, zum Wilden Mann oder zum Wahren König. Charakteristisch ist auch, dass die Helden immer auf der Suche sind. Ohne Suchen kein Finden, ohne Verlust kein Erfahren von Getrenntsein und damit überhaupt erst des Bewusstwerdens von „etwas auch zu brauchen“ und dass dieses Gebrauchte auch einen Wert hat. Dieses wertvolle Objekt muss erobert werden.

Die Heldin/der Held begibt sich nun auf den Weg ins Dunkle/Unbewusste und erfährt Angst!

Die Hexe oder der Wilde Mann, denen dann begegnet wird, können wir als den weisen Aspekt in uns sehen, den Persönlichkeitsanteil, der Bescheid weiß, instinkthaft ist, naturverbunden, kraftvoll, der Dinge bewirken kann. Wir haben oft den Zugang zu dieser Hexenseite in uns vergessen und fürchten sie auch irgendwie, spüren wir sie doch oft aus den Tiefen in uns kichern, sprechen, uns bewegen wollend – aber sie ist unbekannt, unheimlich – wer weiß, wohin das führt, wenn wir darauf hören würden?!

Der Held/die Heldin ahnt, dass er/sie sich mit dem Weisen Aspekt verbünden muss, um etwas, das wertvoll ist (zurück)zu gewinnen, und begibt sich nun in die Dienste der Hexe, der Frau Holle oder des Eisenhans. Auch wenn das zunächst unheimlich ist. Durch dieses Dienen werden die Gesetze des Weisen Aspektes angenommen. Was dann folgt sind wilde Besenritte, Feuergefahren, Schlachten. Ist das alles überstanden und durchlebt, dann winkt als Belohnung der wahre Geliebte, die Prinzessin, das Königreich. Dies drückt die gesunde Beziehung zum jeweils gegengeschlechtlichen Aspekt in uns selbst aus (Animus, Anima), aber auch die nun gefundene Beziehungsfähigkeit zum anderen Geschlecht.

Angst hat einen Sinn – immer!

Sie weist einerseits ganz real auf Gefahren hin, vor denen wir uns schützen können. Hätten wir keine Angst, würden wir uns ständig selbst gefährden.

Und sie kann andererseits darauf hinweisen, dass etwas in uns gehört werden will, das sich anders nicht Gehör verschaffen kann. Dann zeigt uns die Angst etwas, sie fordert uns auf, uns zu entwickeln, einen Entwicklungsweg zu gehen.

Es gibt verschieden Ängste:

Angst, sich zu blamieren, zu erröten, zu versagen,

die Arbeit zu verlieren, Liebe zu verlieren, die Eigenständigkeit zu verlieren, allein zu sein,

Angst vor Gewalt, atomarer Bedrohung, vor Spinnen, Brücken, großen Plätzen oder engen Räumen,

Angst vor Krankheit, Angst vorm Tod.

Angst ist also etwas zutiefst Menschliches, mit dem wir meist gut umgehen können (überwinden, verdrängen, vermeiden, Wissen, prüfen, Vertrauen...). Manchmal schützt uns die Angst aber nicht mehr, wir fühlen wir uns vielmehr von ihr in die Enge getrieben, was dann in den sog. Angstkrankheiten gipfelt. Die Übergänge sind fließend.

So wie bei körperlichen Erkrankungen das häufigste Symptom der Schmerz ist, der darauf hinweist, dass etwas nicht stimmt, so zeigt die Angst ebenso einen „Fehler“ an, hat ebenso Signalfunktion. Und so, wie es beim Schmerz als Fehler angesehen wird, ihn mit Medikamenten auszuschalten, bevor man die Ursache des Schmerzes kennt, ebenso ist es falsch, Angst medikamentös auszuschalten, ohne ihre Signalfunktion verstanden zu haben. Der unkritische Gebrauch von Medikamenten und Alkohol führt leicht zur Sucht.

Es geht also drum, herauszufinden, „Was macht denn eigentlich so eine Angst?!“

Bei den Phobien findet sich eine Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen (Spinnen, Brücken, Messern oder Scheren, freien Plätzen,...) und tritt nur in der entsprechenden Situation auf.

Die Ursache sind unbewusste Phantasien, deren Inhalt verdrängt wurde, weil er Angst macht: meistens Aggressionen: nein-sagen, sich durchsetzen, zornig sein, aber auch sexuelle Strebungen. Die Angst wird sozusagen verschoben- man fürchtet sich nicht mehr vor dem eigenen Zorn oder der eigenen Lust, sondern vor einem Gegenstand, der dann gemieden werden kann. So kann Angstfreiheit erzielt werden.

Die Angstneurose ist durch das Auftreten von Panikattacken charakterisiert: Herzrasen, Kopfschmerzen,...Angst zu Sterben, Verrückt zu werden, verbunden mit dem Erleben, allein und hilflos zu sein. Zwischen den Angstattacken besteht Angst vor der Angst.

Auslöser für diese Attacken ist immer ein realer oder phantasierter Verlust, meist einer nahestehenden Person, die in einem hohen Maße als sicherheitsgebend erlebt wird. Die eigentliche Angst, sich selbst zu verlieren, ist nicht bewusst, sondern nur die begleitenden körperlichen Erscheinungen, also die körperliche Reaktion auf die eigentliche Angst. Diese löst dann Angst vor dem Herzinfarkt, Verrücktwerden,...aus.

Angst ist immer von körperlichen Reaktionen begleitet: Herzklopfen, Druck über der Brust, Kloßgefühl im Hals, Stuhl-/Harndrang, Zittern, Härchen stellen sich auf, Kältegefühl,...

Diese Reaktionen sind bedingt durch die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin, wodurch Energiereserven angezapft und bereitgestellt werden. Also eine sehr sinnvolle Reaktion, denn dann kann ja der drohenden Gefahr gut begegnet werden. Die Angst hat also wichtige Signalfunktion. Gerade für Leute mit stärkeren Ängsten ist es wichtig, dies zu wissen und sich vor Augen zu halten, da sie meist fürchten, am „ Herzen“ ernsthaft erkrankt zu sein, verrückt zu werden oder gar sterben zu müssen.

Angstneurotiker haben meist große Schwierigkeiten mit ihren Gefühlen, mit dem, was leben will in ihnen, ob positive oder negative Gefühle. Sie haben in der Regel den Spiegel vermissen müssen, in dem sie sich mit ihrer Lebendigkeit, mit ihrer reichen Palette an Gefühlen, wiedererkennen können als ein eigenständiges Individuum. So: „das bin Ich“. Und dieser Spiegel sind die Eltern, die im günstigen Fall die Gefühle des kleinen Kindes wahrnehmen, verarbeiten und dem Kind dosiert und verarbeitet „zurück geben“, also spiegeln. Dieser Spiegel fehlt, wenn Eltern von kleinen Kindern unter Dauerstress stehen, krank sind, depressiv sind, unter Verlusten leiden oder selbst schon als Kinder nicht lernen konnten, ihr Gefühlsleben als etwas zu sich Gehöriges zu erleben.

Was ist zu tun?

Sich wie die Märchenheldin auf den Weg machen.

Die eigenen Ressourcen = Kraftquellen aufsuchen, d.h. sich erinnern, was wir eigentlich schon alles geschafft haben, was gut läuft und gelaufen ist, wie wir das geschafft haben. Wo wir uns sicher und froh erleben: Hobbys z.B. Was uns fasziniert (Filme, Bücher, Geschichten,...). Suchen wir unsere Geschichten! (Kindheit oder Erwachsenenalter – egal) Was fasziniert uns?!

Diese gefundenen Ressourcen gilt es zu nützen, um sich in das Dunkle, den Seelenwald, die Seelennacht hinein zu wagen und sich das, was Angst macht, genau anzuschauen, kennen zu lernen. Die Angst wird schwinden – was ich kenne macht mir keine Angst mehr.

Das Gefundene nützen, einbauen ins jetzige Leben. Und das, was alt ist, nicht mehr gebraucht wird, auch lassen können, sich verabschieden und zu einer Erinnerung werden lassen können, die das heutige und zukünftige Lebensglück nicht mehr stört.

Medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung

Medikamente können Symptome beseitigen oder mildern, Angst vermindern, die Selbstkontrolle stärken, Wahrnehmungsstörungen korrigieren. Sie können somit die Voraussetzung, aber auch die fortlaufende Bedingung für die therapeutische Beziehung schaffen.

Andererseits können sie aber auch zudecken, einnebeln, stumpf machen und so dem Fortschreiten der Therapie im Wege stehen, d.h., einer Aufarbeitung von lebensgeschichtlichen Zusammenhängen einerseits, aber auch dem Finden von neuen Möglichkeiten andererseits.

Psychopharmaka können z.B. die kreative Phantasietätigkeit, die für das Auffinden solcher neuen Möglichkeiten wichtig ist, beeinträchtigen.

Angstzustände können auch psychotherapeutisch behandelt werden. In der Psychotherapie soll der Klient lernen, dass er nicht „von außen“ kurierbar ist; er geht den Weg selbst, übernimmt wieder die Verantwortung.

Kurzer Überblick über verschiedene Psychotherapieformen , die ich in der Behandlung kombiniere:

Verhaltenstherapie:
Lernen von Bewältigungsstrategien; Kompromisse oder Veränderungen in der Lebensführung erarbeiten.

Entspannungstechniken:
dienen der Aufmerksamkeitsfocussierung, wodurch ein Zuwachs an Kraft, Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und positivem Erleben erzielt wird.

Tiefenpsychologische Verfahren:
Hier spielt auch das Gewordensein des Menschen eine große Rolle. Das Erkennen von Zusammenhängen zwischen früheren Erfahrungen und dem aktuellen Erleben ist von Bedeutung. Es geht ums Erkennen und gefühlsmäßige Verstehen von unbewussten Abläufen, die die Ursache für die aktuellen Schwierigkeiten sind und auf Lebenserfahrungen zurückzuführen sind, die in früheren Lebensabschnitten, vor allem in der Kindheit, gemacht worden sind. Mit imaginativen Techniken (siehe KIP) können Konflikte erkannt und gelöst werden ebenso wie Ressourcen gefunden und genutzt werden können.







Illustration: 
Dr. Veronika Oepen-Duré






Klientenzeichnung






Eine zunächst beunruhigende Hexe entpuppt sich als freundlich und geleitet das Kind

Klientenzeichnung





Dr. Carina MAYER-KAUTEN
Psychotherapeutin und Lehrtherapeutin für KIP
(Katathym Imaginative Psychotherapie)

Ärztin für Allgemeinmedizin
Ärztin für Psychosomatische und
Psychotherapeutische Medizin

Radetzkystraße 24, 9020 Klagenfurt











Dr. Carina MAYER-KAUTEN

Psychotherapeutin und Lehrtherapeutin für KIP
(Katathym Imaginative Psychotherapie)